Mittwoch, 27. Juni 2012
Park-Genies
Täglich grüßt das Murmeltier… Oder in diesem Fall das blond (wer hätte es gedacht) befellte Weibchen, das schräg gegenüber wohnt. Es ist wieder soweit: Die Arbeit für heute ist getan, die Einkäufe erledigt. Jetzt muss nur noch das Auto abgestellt werden und der Feierabend kann beginnen. Klingt einfach, ist es aber nicht!

Als draußen wiederholt unkontrollierte Gasstöße ertönen, drehe mich mit meinem Schreibtischsessel um 90 Grad nach links, um das Schauspiel frontal und in RealHD durch das Fenster meines Arbeitszimmers zu genießen. Die Nachbarin ist gerade wieder dabei, ihren X3 in eine der Parklücken zu wuchten, die mit ca. 5-6 m für ein solches Gefährt ausreichend dimensioniert sein sollte. SOLLTE! Nun ja…

Zum Glück verfügen moderne Autos inzwischen serienmäßig über Sensoren an der hinteren Stoßstange, die dem Fahrer beim Einparken akustisches Feedback geben. Der X3 der Nachbarin ist selbstverständlich mit derartigen Helferlein ausgestattet – nicht nur hinten, sondern auch vorne – und setzt noch einen drauf: Es gibt sogar eine Rückfahrkamera, die für visuelle Unterstützung im Innenraum sorgt. Derart gerüstet könnte jeder Nasenaffe einen Flugzeugträger durch den Grand Canyon steuern, ohne auch nur irgendwo anzuecken! Nicht so die gute Frau…

Den ersten Einparkversuch habe ich wohl schon verpasst, aber das macht nichts, denn es folgen mit Sicherheit weitere. Gerade wird neu angesetzt. Sieht soweit ganz gut aus! Der Wagen rollt langsam nach hinten, schwenkt halb in die Lücke und fährt dann einfach nur gerade rückwärts. *BREMS/SCHAUKEL* Ups, da hört der Platz ja schon wieder auf. Hm, noch halb auf der Straße… War wohl nicht so toll, nochmal! Während sich der Vorgang dreimal exakt genauso wiederholt, gehe ich in die Küche und besorge mir Kaffee. Beim zweiten Mal war es schon nicht mehr so spannend…

Aber jetzt wird die Taktik geändert! Diesmal schlägt die Dame das Lenkrad richtig weit ein, aber nur um dann festzustellen, dass sie mit beiden Hinterreifen auf den Bordstein gehopst ist. Nach einigen Korrekturversuchen steht der SUV wieder in seiner Ausgangsposition. Der Auspuff tropft… Armes Auto: Nicht weinen, das wird schon! Geht auch gleich los, diesmal mit Schwung. *DUNK* Das war die Stoßstange vom Hintermann… Wayne, dafür heißt das Ding doch Stoßstange! Also nochmal: Rausfahren, kurz halten, Rückwärtsgang einlegen und los. Aber wohin denn jetzt? Ah, sie will es vorwärts versuchen! Da klappt das mit dem Lenken wenigstens… Fast. *WUMP* Der rechte Vorderreifen erklimmt den Bordstein uuuuuund verlässt ihn wieder *KRRRCK* Das war die 18-Zoll-Alufelge… Nein, sie hat es noch nicht überstanden! Noch ein bisschen vor *KRRRRRRRRRRRIIIICK* und wieder zurück *KCIIIIRRRRRRRRRRRK*, dabei noch etwas lenken *WUMP*. Jetzt sieht das doch halbwegs gerade aus! Zumindest, wenn man drinnen sitzt…

Ich sehe einen schlecht geparkten Wagen, der ziemlich schräg in seiner Lücke steht, etwa 5 cm Abstand zum nächsten Auto aufweist und außerdem mit einem Reifen auf der Borsteinkante balanciert. Die Frau auf dem Kutschbock interessiert das nicht. Nach dem Aussteigen wird der X3 keines Blickes mehr gewürdigt und die Stoßstange des anderen Autos ist scheinbar auch schon vergessen. Es sollte vielleicht erwähnt werden, dass tatsächlich kein Schaden entstanden ist. Was man ohne einen Kontrollblick natürlich schwer beurteilen kann…

Ich bin mit Sicherheit nicht der einzige, der hin und wieder in den Genuss eines solchen Spektakels kommt. YouTube und Konsorten sind schließlich voll von Idioten, die sich beim Einparken anstellen, als wären sie die ersten Menschen. Mir drängt sich in derartigen Situationen immer eine Reihe von Fragen auf, die ich allerdings noch keinem der betreffenden Park-Genies stellen wollte:

1. Warum habt ihr eigentlich diese ganzen tollen Einparkhilfen an Bord, wenn ihr sie konsequent ignoriert?

2. Warum kauft ihr euch kein Auto, mit dem ihr (wenigstens halbwegs) umgehen könnt? Muss es denn ein SUV sein, wenn’s mit dem Golf schon nicht klappt?

3. Denkt ihr auch mal drüber nach, was ihr falsch macht? Oder merkt ich euch zumindest, was ihr getan habt, wenn die Karre endlich richtig steht?

4. Warum werdet ihr nicht besser? Wenn man täglich mindestens zweimal einparkt, regelt das Stammhirn so etwas irgendwann von allein.

5. Warum übt ihr nicht wenigstens? Irgendwo, wo euch keiner sieht und wo ihr nichts kaputtmachen könnt.

6. Ist es euch nicht verdammt peinlich, bei jedem Einparken so eine Show abzuliefern?

7. Warum werft ihr nach getaner Arbeit nicht noch einen Blick auf euer Werk? Die Reifen würden es euch häufig danken…

8. Wie habt ihr eure Führerscheinprüfung bestanden? Meines Wissens hat man da nur zwei Korrekturversuche.

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